Jetzt ist jeder Zweite dein persönlicher KI-Coach

Kurse, Masterclasses, Trainer – für alles gibt es gerade jemanden, der dir KI erklären will. Über FOMO als Geschäftsmodell und gefährliches Halbwissen mit Rechnung.

Mein LinkedIn-Feed sieht mittlerweile aus wie eine Dauerwerbesendung. Jeden zweiten Post schreibt jemand, der vor sechs Monaten noch über Excel-Pivot-Tabellen referiert hat und jetzt “KI-Stratege” im Profil stehen hat. Mit Kurs. Mit Masterclass. Mit Frühbucherrabatt.

Sagen wir mal so: Wenn so viele Leute gleichzeitig zu Experten für dieselbe Sache werden, ist meistens nicht das Thema der Grund – sondern das Geschäft dahinter.

Sie sprießen wie Unkraut

KI-Coach, KI-Berater, KI-Trainer, KI-Mentor – die Jobtitel ändern sich schneller als die Inhalte dahinter. Und das Muster ist immer gleich: Irgendwer hat ChatGPT ein paar Wochen benutzt, einen Screenshot mit beeindruckendem Ergebnis gepostet, und schon kommen die DMs: “Kannst du mir das auch beibringen?”

Wittern wir hier wirklich Bildungsbedarf – oder einfach nur Angst?

Denn genau darauf zielt das Geschäftsmodell: auf Leute, die KI noch “spooky” finden, die Angst haben abgehängt zu werden, und die genau deshalb bereit sind, für ein bisschen Sicherheit zu zahlen. Nicht weil der Kurs ihnen überlegenes Wissen vermittelt, sondern weil er ihnen das Gefühl gibt, jetzt auch dazuzugehören.

Für alles gibt’s jetzt einen Kurs

Prompt-Engineering-Masterclass. KI-Produktivitäts-Bootcamp. 1:1-Coaching für “KI-Mindset”. Es ist inzwischen fast unmöglich, ein Thema zu finden, für das es keinen KI-Kurs gibt – selbst wenn der komplette Inhalt in zwei Sätzen Platz hätte: Stell konkrete Fragen. Gib Kontext. Fertig.

Das eigentliche Problem dabei ist nicht, dass Leute Geld mit Wissen verdienen wollen – das ist erstmal legitim. Das Problem ist das Halbwissen, das als Expertise verkauft wird. Viele dieser Coaches haben selbst erst vor Kurzem angefangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Hauptsache, man bietet irgendwas an und kann mitreden, wenn gerade alle über die große neue Cashcow reden.

FOMO ist das eigentliche Produkt

Was hier tatsächlich verkauft wird, ist selten Wissen. Es ist das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn man nicht sofort einsteigt. Diese Angst lässt sich hervorragend monetarisieren – und genau das passiert gerade in großem Stil.

  • ❌ Kein Lehrplan, der auch in einem Jahr noch Bestand hat

  • ❌ Keine nachprüfbare Erfolgsbilanz des “Trainers”

  • ❌ Dafür: Dringlichkeit, Countdown-Timer, “nur noch 3 Plätze frei”

  • ✅ Tatsächlich hilfreich wären: ein paar gute Prompts, zehn Minuten Ausprobieren, und die Bereitschaft, Fehler der KI selbst zu erkennen

Das Gefährliche dabei: Wer sein Halbwissen mit Selbstbewusstsein vorträgt, wird oft für kompetenter gehalten als jemand, der ehrlich sagt “das weiß ich auch noch nicht genau”. Und so verbreitet sich über diese Kurse nicht selten mehr Verunsicherung als Verständnis – nur eben mit Rechnung am Ende.

Mein Fazit

KI ist ein mächtiges Werkzeug, keine Glaubensrichtung, die einen Hohepriester braucht. Die meisten Dinge, die man darüber wirklich wissen muss, lassen sich in einem guten Blogpost oder einer Stunde Ausprobieren vermitteln – nicht in einer vierteiligen Masterclass für 497 Euro. Wenn dir jemand erzählen will, dass du ohne seinen Kurs “den Anschluss verlierst”, ist das selten eine Diagnose. Das ist ein Verkaufsargument.

Bleibt neugierig, Alex