Wie mir ein macOS-Update endlich die Relativitätstheorie erklärt hat
Einstein brauchte Jahre, Formeln und ein Patentamt. Mir haben ein Mac, ein Update und ein Fortschrittsbalken gereicht. Zeit ist relativ, jedenfalls auf Apples Uhr.
Ich geb’s zu: In Physik war ich nie der Typ, der bei der Relativitätstheorie aufgesprungen ist und “Ach so, na klar!” gerufen hat. Zeitdilatation, Lichtgeschwindigkeit, bewegte Uhren gehen langsamer. Hab ich brav gelernt, verstanden eher nicht.
Bis letzte Woche. Da hab ich auf meinem Mac ein macOS-Update eingespielt. Und plötzlich war alles klar.
Die Zeit vergeht nicht überall gleich schnell. Sie vergeht vor allem nicht so, wie der Fortschrittsbalken behauptet.
Phase 1: Die 30 Minuten, die keine sind
Update gestartet, Kaffee geholt, zurück an den Schreibtisch. Der Mac meldet ganz entspannt: “Noch ca. 30 Minuten”.
Okay, denke ich. Eine halbe Stunde. Genug Zeit für eine zweite Tasse, die Mails auf dem iPad und vielleicht noch einen kurzen Blick in den Homelab-Status.
Fünf Minuten später: “Noch ca. 12 Minuten”. Nochmal drei Minuten später: fertig mit dem Vorbereiten, Neustart.
Aus 30 Minuten wurden also irgendwas zwischen 5 und 10. Die Zeit hat sich gestaucht. Ich hab mich bewegt (zur Kaffeemaschine), der Mac stand still, und trotzdem ist bei ihm die Zeit schneller vergangen. Wenn das keine Zeitdilatation ist, weiß ich auch nicht.
Phase 2: Die 2 Minuten kurz vor dem Ziel
Jetzt kommt der Teil, den jeder kennt, der schon mal ein größeres Update auf einem Mac gemacht hat: die Neustarts. Schwarzer Bildschirm, Apfel-Logo, Balken. Und dann steht da, schon fast am Ende, beim letzten oder vorletzten Reboot:
“Noch ca. 2 Minuten”
Zwei Minuten! Die sitz ich doch auf einer Arschbacke ab. Ich bleib also direkt davor sitzen, weil sich das Weggehen ja eh nicht lohnt.
Und dann sitz ich da. Und sitz da. Der Balken bewegt sich um einen Pixel. Der Lüfter überlegt kurz, ob er was sagen will, entscheidet sich dagegen. Neustart. Wieder Apfel. Wieder Balken. Wieder “ca. 3 Minuten”.
Am Ende waren es gefühlt 10, real vermutlich auch eher 10 als 2. Also genau andersrum: Hier hat sich die Zeit gedehnt. Kurz vor dem Ziel, wenn man am wenigsten Lust hat zu warten, wird jede Minute zu einer kleinen Ewigkeit.
Die palm’sche Update-Relativitätstheorie
Nach sorgfältiger empirischer Forschung (n = 1, ohne Kontrollgruppe, mit Kaffee) kann ich das Ganze jetzt wissenschaftlich zusammenfassen:
- Je weiter weg das Ende, desto schneller vergeht die Zeit. 30 angekündigte Minuten sind in Wahrheit 5–10.
- Je näher das Ende, desto langsamer vergeht die Zeit. 2 angekündigte Minuten sind in Wahrheit 10.
- Die Summe stimmt am Ende irgendwie trotzdem. Das Universum gleicht das aus. Apple auch.
Oder als Pseudo-Code, so wie ich mir den Schätz-Algorithmus inzwischen vorstelle:
def remaining_minutes(progress):
if progress < 0.5:
return 30 # klingt seriös, beruhigt den User
if progress < 0.95:
return "gleich fertig"
return 2 # stimmt nie, aber hält den User vorm Bildschirm
Einstein hätte seine Freude gehabt. Oder zumindest einen Wutanfall.
Jetzt mal ehrlich: Warum ist das so?
Um fair zu bleiben: Eine Restzeit zu schätzen ist verdammt schwer. Und das ist kein Apple-Problem, das kennen wir seit Jahrzehnten vom Windows-Kopierdialog, der zwischen “4 Sekunden” und “3 Tage” hin- und herspringt.
Beim Update kommt einiges zusammen, was sich vorher kaum sauber messen lässt:
- Das Vorbereiten (Entpacken, Prüfen, Snapshot anlegen) läuft auf schneller SSD oft viel flotter, als die konservative Schätzung annimmt. Daher die 30 Minuten, die keine sind.
- Die Phase nach dem Neustart macht Dinge wie Firmware aktualisieren, Caches neu aufbauen, Systemdateien verifizieren. Das hängt stark davon ab, wie viel auf der Kiste drauf ist und wie alt das System ist. Das weiß der Balken vorher schlicht nicht.
- Mehrere Reboots heißt: Jede Phase startet ihre eigene kleine Schätzung neu. Und jede fängt wieder optimistisch an.
Also: Nachvollziehbar? Ja. Trotzdem nervig? Auch ja.
✅ Das Update lief am Ende sauber durch, nichts kaputt, alles da. ✅ Kein Eingriff nötig, einfach laufen lassen. ❌ Die Zeitangaben sind eher Stimmungsbarometer als Messwert. ❌ Wer sich auf die “2 Minuten” verlässt, sitzt länger vor dem Apfel, als ihm lieb ist.
Fazit
Die Relativitätstheorie hab ich jetzt verstanden: Zeit ist relativ, und zwar relativ dazu, wie sehr man gerade auf etwas wartet. Die 30 Minuten am Anfang sind ein Puffer für Leute, die sich gern positiv überraschen lassen. Die 2 Minuten am Ende sind eine Falle für Leute wie mich.
Mein Tipp für das nächste Update: Die erste Zahl ignorieren, bei der letzten mal 5 rechnen und in der Zwischenzeit was Sinnvolles tun. Oder zumindest einen Kaffee holen. Die Zeit vergeht dann nämlich garantiert schneller.
Bleibt neugierig, Alex